GESELLSCHAFT
DER MUSIKFREUNDE
MÜNSINGEN E.V.
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vom 13. Juni 2009
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KULTUR
IN DER REGION
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Hab mich gern im Café
Größenwahn
Quint Olé und Katherina Wolter unternehmen
eine Zeitreise zurück ins Berlin der 20er Jahre
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Mitten
hinein in die turbulenten
20er Jahre versetzten Quint Olé und die Schauspielerin Katherina
Wolter
ihr Publikum in der Münsinger Zehntscheuer. Spröde und
lyrisch, aber
auch schräg und amüsant.
SABINE GRASER-KÜHNLE
MÜNSINGEN.
Wer kennt es nicht, das Berlin der 20er Jahre, die Menschen
geprägt vom Ersten Weltkrieg auf der Suche nach Abwechslung.
Leichte Muse in Form von Operetten und Chansons stürmten die
Weltstadt. Kurt Weills leichter Songstil war ebenso prägend, wie
Bertolt Brechts "Dreigroschenoper".
Den widersprüchlichen Gefühlen dieser ambivalenten Zeit
entsprachen mit dadaistischen Texten Autoren wie Kurt Tucholsky und
Walter Mehring, Mitbegründer des Berliner politisch-literarischen
Kabaretts, und spröde Musik, wie die Paul Hindemiths.
Alle diese prägenden Künstler tauchten auf in Walter Mehrings
"Café Größenwahn", welchem das Bläserquintett
"Quint Olé" und die Schauspielerin Katherina Wolter, alias Kate
Kühn, am Donnerstag Leben eingehaucht haben.
Musiker, die sich zufällig im Café treffen, eine
Schriftstellerin, die in demselben Café nach ihrer Muse sucht:
Das vermittelten das Bühnenbild und die Kleidung der Akteure. Was
"Quint Olé" und Katherina Wolter ihren Gästen in der nahezu
vollen Zehntscheuer boten, war jedoch keinesfalls Improvisation und
leichte Muse.
Das eindringlich harmonische Spiel des Bläserquintetts, die
Virtuosität jedes einzelnen Musikers und die Koketterie, Lakonie
oder Ironie von Katherina Wolters Rezitationen erweckten Emotionen.
Eine Bilderschau im Hintergrund vervollständigte die Zeitreise.
Da erkannte das Publikum im rezitierten Kurt Tucholsky "Der Verkehr"
eine in der Straßenhektik damals schon deutsche Tugend, die
Sturheit. Und Quint Olé verpackte die rollenden Blechschlangen
"63 000 Autos auf deutschen Straßen" mit Paul Hindemiths viertem
Satz seiner Kleinen Kammermusik für fünf Bläser im rauen
Stakkato-Rhythmus.
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Zwischen Balladen aus der
"Dreigroschenoper" von Brecht/Weill gelangte Kate Kühn
entsprechend
Brechts "Abschiedslied" zu der ironischen Erkenntnis: "...immer werd"
ich dich vermissen" und verabschiedete sich schließlich, ganz
emanzipierte Berlinerin, mit Erich Kästners "Scheidebrief":
"Rutsch mir
den Buckel runter und hab mich gern." Lyrisch, sensibel und doch so
voll herrlicher Anzüglichkeit die Rezitationen, ebenso das Spiel
des
Bläserquintetts dazu.
Kaum klarer ist
die
Industrialisierung musikalisch umgesetzt als in Hindemiths
Kompositionen, welche Jahre später von Reichspropagandaminister
Goebbels als "atonale Geräuschmacherei" verfemt wurden. Harsch
rieben
sich die Töne in den fünf Sätzen der "Kleinen
Kammermusik op. 24", wie
ungeölte Maschinen ratterten Horn (Gesa Johanns) und Fagott (Naoko
Matsutani) rhythmisch präzise, derweil Flöte (Jennifer
Smyth), Oboe
(Regina Held) und Klarinette (Tim Kieselhofer) die Melodie akkurat
aufeinander abgestimmten Zahnrädchen gleich ineinander
fließen ließen
und so eine herbe, spannende Harmonie erzeugten. Im selben
einfühlsamen
Zusammenspiel entfaltete sich Jacques Iberts "Trois pièces
brèves" zur
eleganten Interpretation der Pariser "Belle Époque". Klarinette
und
Flöte brillierten solistisch im Andante, dem ein neckisches
Allegretto
scherzando folgte, getragen von Horn und Fagott.
Mit einem herrlich naiven und gleichzeitig allwissenden Staunen hat
Katherina Wolter in diese Pariser Nonchalance mit Erich Kästners
"Jardin du Luxembourg" eingeführt, "... alle Leute, auch die
ernsten
Herrn, spüren hier, die Erde ist ein Stern."
Blues, Jazz und Ragtime schwappten aus Amerika herüber,
aufgegriffen
mit George Gershwin und Scott Joplin, und mittendrin marschierte aus
Walter Mehrings Chanson "Amerikanisches Riesenspielzeug" Miss
Vanderbilt "durch 100 Alabastersäle", betrachtete die Welt aus der
"Lady Perspektive", die Magnatentochter belächelt von der Welt:
"sleep
well, Miss Vanderbilt, sleep well". Mit Koketterie und Perfidie
vorgetragen von Katherina Wolter.
Ein faszinierend durchdachtes Programm, das trotz tiefer lotender
Beiträge seinen äußerst unterhaltsamen Charakter nie
verlor. Zugabe.
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Zu Gast in der Konzertreihe der
Münsinger Musikfreunde: Quint Olé und die Schauspielerin
Katherina Wolter (rechts). Foto: sgk
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vom 13. Juni
2009
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KULTUR |
Konzert - Ensemble Quint
Olé in der Zehntscheuer
Zurück in die Zwanziger
MÜNSINGEN. Bereits beim
Betreten der Münsinger Zehntscheuer wird das Publikum der
Gesellschaft der Musikfreunde am Donnerstagabend in die Atmosphäre
der Künstlercafés der »Goldenen Zwanziger«
hineingezogen. Begleitet vom unverwechselbaren Klang des
Marlene-Dietrich-Songs »Ich hab' noch einen Koffer in
Berlin« finden die Zuhörer ihre Stühle, während
die »Mädchenkapelle des Café
Größenwahn« stilgerecht gewandet auf der Bühne
ihre Plätze einnimmt. Wobei die »Mädchen« auch
einen Mann mit dabei haben.
Aber eigentlich ist hier ja ohnehin eine Gruppe mit anderem Namen
zugange, nämlich das Bläserquintett Quint Olé,
bestehend aus Jennifer Smyth, Flöte, Regine Held, Oboe, Tim
Kieselhofer, Klarinette, Gesa Johanns, Horn, und Naoko Matsutani,
Fagott. Bei ihrem »Café
Größenwahn«-Programm werden sie ergänzt durch die
Schauspielerin Katharina Wolter. Diese setzt sich als »Kate
Kühn« an ihr Café-Tischchen, schreibt, liest,
lässt ihre Gedanken spielen. Und sie rezitiert, intensiv und echt,
Tucholsky, Brecht, Erich Kästner, Else Lasker-Schüler, Mascha
Kaléko oder Tilla Durieux. Dazu spielt das Ensemble Quint
Olé Musik der Zeit: Kurt Weill und Paul Hindemith, Jacques Ibert
und George Gershwin, Scott Joplin und viele andere.
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Gleichzeitig sind auf
einem Bildschirm Szenen zu beobachten, die
einerseits Zilles »Milljö«, andererseits fein
gekleidete Tango-Gigolos
und dann wieder bildnerische Werke Kandinskys, der Bauhaus-Tradition
oder ganz einfach Farbspielereien zeigen. All das ermöglicht ein
Eintauchen in die Zwanziger-Jahre mit allen Sinnen.
Schmissige Tangorhythmen
Die exzellenten Interpretationen des Bläserquintetts fanden viel
Beifall, ob Kammermusikwerke von Paul Hindemith, sensibel gestaltete
Miniaturen Jacques Iberts oder die schmissigen Tangorhythmen Astor
Piazzollas.
Unter anhaltendem Applaus »dekorierte« Hermann Bohn, der
Vorsitzende
der Gesellschaft der Musikfreunde jedes einzelne Mitglied der
»Mädchenkapelle«, auch den Klarinettisten, mit der vom
Münsinger
Kunstpädagogen Jochen Meyder gestalteten Plakette. (elk)
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Quint Olé und
die Schauspielerin
Katherina Wolter (rechts). Foto: sgk - südwestpresse
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